Kreuzeln für Deutschland

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Jetzt ist’s also offiziell: Man muss nicht besonders viel denken oder dichten, um ein guter Deutscher zu sein. Und auch keinen röhrenden Hirsch über den Wohnzimmersofa braucht man. Es genügt vielmehr, 17 Kreuzchen an der richtigen Stelle zu machen.

Seit Montag muss einen Einbürgerungs-Multiple-Choice-Test bestehen, wer Deutscher werden will. Das mag befremdlich klingen, ist aber schon auch konsequent.

Deutschlands Straßen werden von Autofahrern unsicher gemacht, die durch Ankreuzeln nachgewiesen haben, dass sie, “ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht” [§1 (1) StVO] walten zu lassen, gewillt sind. Und lange bevor ein Arzt den ersten Blutstropfen vom Skalpell wischen darf, muss er während des Studiums in unzähligen Multiple-Choice-Tests unter Beweis stellen, dass er seine Profession stets “rein und fromm” (hippokratischer Eid) auszuüben, in der Lage ist.

Solch ein Land kann sich schließlich keine Neubürger leisten, die sich in eigenständig formulierten Sätzen ausdrücken. Außerdem stellt der Multiple-Choice-Test die reinste Form des Leistungsprinzips dar und passt deswegen gut in die Zeit: Alles, was wirklich, lebendig, interessant oder von praktischem Nutzen sein könnte, spielt dabei keine Rolle. Was zählt, ist einzig die Menge der Kreuzchen an der richtigen Stelle.

Und innovativ ist die große Neu-Deutschen-Schau, handelt es sich bei den 300 beim Bundesinnenministerium gehosteten Fragen doch um den ersten dynamischen Multiple-Choice-Test: Die Kreuzchen könnten wandern.

“Was ist eine Aufgabe der Polizei in Deutschland?” lautet etwa Frage 148. Würde sich nach dem Willen Wolfgang Schäubles die Bundeswehr mehr der in Lösungsvorschlag d. beschriebenen Tätigkeit annehmen, “die Einhaltung der Gesetze zu überwachen”, dann könnte sich die Polizei stärker auf die unter b. beschriebene Aufgabe konzentrieren: “die Bürgerinnen und Bürger abzuhören”. Das wäre sicherlich auch im Sinne des Hosters.

Darüber hinaus wird dem Bewerber in den Fragen 54 und 60 neben Legislative, Exekutive und Judikative noch eine weitere Staatsgewalt namens “Direktive” vorgeschlagen. Vom pflichtschuldigst abgesessenen Sozialkundeunterricht aus der Schulzeit her ist einem die nicht bekannt. Sie hört sich aber so abwegig an, dass mehr dahinter stecken muss als ein kleines Scherzchen, womit man gerne Neulinge veräppelt. Die Direktive als Staatsgewalt würde schließlich ebenfalls gut in die Zeit passen.

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