Stefan Pfeiffer

ist Marketing Lead Social Business Europe bei IBM Deutschland und nennt sich selbst "Schreiberling aus Passion".

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Gedanken nach oder vor Google+

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Habe ich nur den Eindruck oder ist der Hype um Google+ deutlich größer als der um Buzz oder damals Wave? Ich kann meinen Reader kaum aufmachen, ohne ständig über Beiträge über Google+ zu stoßen.

Kaum ist das Tool noch nicht einmal für alle draußen, fragt ReadWrite Enterprise schon, ob man Google+ im und für das Unternehmen einsetzen solle oder könne. Google habe ja mit Apps schon den Anspruch, auch Unternehmen zu bedienen. Meine Meinung hierzu ist klar: Das interne soziale Netzwerk gehört hinter die Firewall und vor allem gehören die Daten eindeutig in den Besitz des jeweiligen Unternehmens und es muss klar sein, wo, in welchem Land und Rechenzentrum diese liegen.

Ich persönlich bin sehr zwiegespalten. Dies liegt nicht an den Funktionen von Google+, die ich auch noch nicht im Detail erforscht habe. Dies liegt eher an einem gesunden oder ungesunden Misstrauen gegen den “Gutkonzern” und an meinem tief verwurzelten Glauben daran, dass die Macht in sozialen Medien verteilt sein sollte. Die derzeitige Machtverteilung mit drei Hauptgrößen Google als quasi De-facto-Standard bei der Suchmaschine und mehr, Facebook als De-facto-Standard für soziale Netzwerke und Twitter als Microblogging-Standard sowie Playern wie LinkedIn und einigen anderen erschien und erscheint mir durchaus sinnvoll. Mit viel Sympathie – aber zugegebenermaßen nicht mit viel eigenem Engagement – habe ich Versuche wie Diaspora im sozialen Netzwerkbereich verfolgt, aber eben nur verfolgt.

Nun also Google+. Google bläst zur lang erwarteten Attacke auf Facebook. In der “Szene” hat Google auf jeden Fall einen deutlich besseren Ruf als Facebook. Jan Tißler vom Szeneblatt t3n etwa hat 10 Gründe gesammelt, warum Google+ gegen Facebook gewinnen kann – oder wird. Andere halten entgegen, dass Facebook so gut im Kopieren ist, dass Feature-Vorteile schnell verschwinden werden. Und siehe da. Kurz nach Google+ mit Hangouts kommt Facebook wohl auch mit auf Skype basierenden Videochat-Funktionen heraus. Aber möglicherweise ist Google+ mehr ein Twitter – als ein Facebook-Killer. Die aktuelle Nutzerschaft auf alle Fälle erinnert mich wesentlich stärker an Twitter.

Mein erster Eindruck in der Nutzung von Google+ ist positiv. Das Design gefällt mir, Drag-and-Drop bei Circles ebenso. Viele meiner Freunde und Kontakte gerade aus der “Szene” und den sozialen Medien sind bereits dort. Also werde ich Google+ auch mit mehr als einem Auge beobachten und warte persönlich darauf, dass mein Social Media Client Hootsuite Google+ integriert. Dies wird auch einer der Haupterfolgsfaktoren sein. Wie offen wird Google+ sein und wie viele Add-Ons wie Tweetdeck, Seesmic usw. wird man wie schnell unterstützen. Wird es ein Ökosystem mit Killeranwendungen wie Farmville geben, das die Leute in Scharen auf Google+ treibt? Oder wird am Ende Google+ das Social Network für Geeks und Nerds, Facebook dagegen ein Consumer-orientiertes privates Netzwerk mit Spielen, Fan Pages etc.?

Wir Social-Media-Freaks sind natürlich schon da, auf Google+, so wir denn eine Einladung bekommen haben. Was ist aber mit Andrea und Otto Normalnutzer? Ich höre schon meinen geschätzten Freund Jörg Allmann stöhnen: “Jetzt befeuert der Pfeiffer auch noch Google+ und ich sag ihm schon seit Monaten, er soll nicht immer alle Nachrichten über alle Kanäle gleichzeitig posten. Das nervt doch nur.” Jeff Gibbard bringt es in seinem Beitrag auf den Punkt: “I haven’t replaced an inbox, I’ve added one.”

Wie viele soziale Netzwerke und Kanäle kann und will der normale Anwender nutzen und verdauen? Er oder sie wird sich vielleicht eher auf nur einen Kanal, ein Netzwerk konzentrieren (können). Und machen wir uns nichts vor. Facebook hat natürlich einen riesigen Vorsprung durch die Anzahl der Anwender. Noch am 29. Juni bin ich auf dieses Posting gestoßen: An Facebook führt kein Weg vorbei. Die dort vorgestellte Studie zeigt nicht nur, wie viele Nutzer unterdessen in Deutschland auf Facebook sind, sie belegt auch, dass diese Nutzer die Aktivsten und Kauffreudigsten sind. Hier die Grafik, wo sich die deutschen Anwender wie aktiv bewegen:

Es wird also interessant werden, welchen Stellenwert sich Google+ erarbeiten wird. Am Ende wird über den Erfolg entscheiden, für welches Netzwerk sich der Nutzer entscheidet, denn es geht um Werbeeinnahmen, bei Facebook, bei Google – und bei Twitter weiß man wohl noch nicht, wie man sein Geld verdienen kann. Dazu habe ich zum Abschluss noch diesen Comic gefunden:

Quelle: Joy of Tech
Quelle: Joy of Tech