Glossolalie

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Pfingsten war. Ein topaktuelles Fest! Was damals, vor 2000 Jahren, geschehen sein soll, fasst die Apostelgeschichte (Kapitel 2, Vers 1 bis 4) so zusammen: “Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander… und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“

“Zungenrede” nennt man derartiges, gebildet: “Glossolalie”. Das bedeutet, dass jemand nur scheinbar selbst redet, in Wahrheit aber ein anderer aus ihm heraus.

Sowas gibt’s heute mehr denn je. Auch wenn es selten der Heilige Geist ist, der da die Zungen der Leute in Besitz nimmt.

Über 300.000 Mal etwa findet Google die Sequenz “für 0,- Euro”. Marketiers reden so. Klar, die haben die Phrase ja erfunden. Aber auch ganz normale Surfer, die sich in Foren über – wie sie meinen – besonders günstige Angebote austauschen. Meist geht’s dabei um Handys.

Ganz prächtige Synonyme kennt die deutsche Sprache für “kostenlos”: “geschenkt”, “für lau”, “für Gotteslohn” oder gar – den emphatischsten aller schwäbischen Lustschreie – “‘s koschd nix!”.

Und das alles soll es geben – dass man etwas geschenkt bekommt oder dass ein guter Mensch etwas für Gotteslohn tut. Noch nie aber hat ein Unternehmen Mobiltelefone in größeren Mengen für jeweils 0,- Euro abgegeben. “Für 0,- Euro*” hingegen schon. Da verweist das “*” auf die wirklichen und deshalb kleingedruckten Kosten.

Wer “für 0,- Euro” sagt, der mutiert, zumindest wenn er nicht aus einem Marketing-Budget großzügig dafür entlohnt wird, zum verbalen Bot. Er gluckst Zombie-Laute, anstatt seiner vitalen Muttersprache zu frönen. Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet die Leute, die sich ständig mit Kommunikationsgerätchen befassen, unfähig sind, ordentlich zu kommunizieren.

Augenfällig auch, dass Wirtschaftsredakteure schreiben, wie’s “der Geist ihnen gab”. In dem Fall der Zeitgeist.

Am Dienstag wieder in der Süddeutschen (SZ)! – Eigentlich muss es ja ein recht heller und sprachgewandter Kopf sein, der den Artikel verfasst hat. Schon in der Dachzeile resümiert er brillant, was als Opel-Rettung diese Woche für Schlagzeilen sorgte: “Magna zahlt fast nichts, streicht 2600 deutsche Jobs – aber bekommt Milliarden vom Staat”. So kurz und prägnant will man doch informiert werden.

Aber dann im Fließtext ist andauernd von “Opel-Mitarbeitern” die Rede. “Mitarbeiter” sagt der Chef zu seinen Untergebenen, wenn er nett zu ihnen sein will. Von Seinesgleichen wiederum spricht man meist als von seinen “Kollegen”. Und die oben nennt man Vorgesetzte.

Hier schreibt also offenkundig ein neutraler Beobachter – denn so sehen sich Journalisten gerne – aus der Chefperspektive. Wer ist dieser Mann, fragt man sich da doch. Frederick Henderson, der CEO von General Motors? Oder wenigstens Hans Demant, der Opel-Vorstandsvorsitzende?

Nö, in der Autorenzeile steht ein anderer Name. Einer, dessen Träger eher ein dürftiges Redakteurs- denn ein fürstliches Managergehalt beziehen dürfte. Über Pleiten zu schreiben, ist halt bei weitem nicht so lukrativ, wie sie zu verursachen. Trotzdem formuliert der Mann im Chef-Duktus.

Aber das tun seine Kollegen ja auch. Glossolalie ist die Lingua franca des Journalismus.

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