KI verbessert die Kreislaufwirtschaft

Wie kann generative KI die IT-Nachhaltigkeit verbessern? Ein Interview mit Annette Zimmermann, VP Analyst bei Gartner.

Die Wiederaufbereitung und Wiederverwendung von Altgeräten, anstatt sie auf einer Mülldeponie zu entsorgen, ist für die meisten Unternehmen weltweit zu einem wichtigen Thema geworden.

Frau Zimmermann, Gartner prognostiziert, dass 80 Prozent des Produktportfolios von Hardwareanbietern bis 2030 mit Kreislaufinitiativen verbunden sein werden. Aktuell sind es nur 20 Prozent. Was funktioniert heute schon, und was muss noch getan werden, um die geschätzten 80 % zu erreichen?

Annette Zimmermann: Die Hardwarebranche hat sich auf eine Kreislaufwirtschaft umgestellt, um den ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte zu verringern. Jeder Anbieter hat einen anderen Schwerpunkt, wenn es darum geht, sein Produkt nachhaltiger zu gestalten. Einige konzentrieren sich beispielsweise stark auf die Verpackung und verwenden zu 100 Prozent recyceltes Material. Andere Anbieter konzentrieren sich auf das Produkt selbst und erhöhen den Anteil an zertifizierten, recycelten Materialien in ihren Geräten.

Darüber hinaus haben die Anbieter eine zirkuläre Lieferkette eingeführt, die aus Sammlung, Wiederverwendung/Verlängerung der Lebensdauer, Reparatur, Wiederaufbereitung, Aufarbeitung und Recycling besteht.

Was können die Unternehmen noch mehr tun?

Hersteller könnenden den Übergang zu einer Kreislauf-Lieferkette beschleunigen, indem sie relevante KPIs festlegen, etwa spezifische Ziele für recycelte Materialien in neuen Produkten. Oder sie können die Erzeugung und Speicherung erneuerbarer Energien fördern, um die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung zu verringern.

Darüber hinaus erfordert die Herstellung echter Kreislaufprodukte eher einen Systemwechsel als marginale Produktverbesserungen. Um wirklich zu einer Kreislaufwirtschaft in der IT überzugehen, sollten die Hardwarehersteller von einem ökoeffizienten zu einem ökoeffektiven Produktansatz übergehen. Das Konzept der Ökoeffektivität umfasst die Optimierung eines inhärent neuen und zirkulären Systems. Dabei geht es darum, den Produktwert so lange wie möglich zu erhalten und zu verlängern.

Wie reagieren die Hersteller auf dieses Konzept?

Einige Hardware-Hersteller tun dies bereits. Dennoch sollten sich mehr Hersteller auf die Entwicklung von Produkten konzentrieren, die recycelte Komponenten und erneuerbare Materialien enthalten und sich leicht zerlegen und reparieren lassen, um die Lebensdauer der Geräte zu verlängern. Dieser Ansatz wird zweifellos dazu beitragen, den Prozentsatz des Produktportfolios von Hardwareanbietern zu erhöhen, der mit Kreislaufinitiativen verbunden ist.

Kann generative künstliche Intelligenz dazu beitragen, die Kreislaufwirtschaft in der IT zu verbessern?

Generative KI hat bereits Auswirkungen auf die Elektronikindustrie in verschiedenen Bereichen. In der Materialwissenschaft kann sie zum Beispiel für die Entwicklung nachhaltigerer Materialien eingesetzt werden. Ein weiteres Beispiel ist die Materialinformatik. Dabei handelt es sich um die Anwendung von KI, digitalen Zwillingen und Datenanalytik, die die Effizienz der Materialentwicklung durch den Einsatz von Informatik verbessern und letztlich die Auswirkungen auf die Umwelt verringern.

Die schnellere Entwicklung neuer Materialien mit spezifischen Eigenschaften kann in mehreren Bereichen eine wichtige Rolle spielen, darunter neue Methoden für das Recycling und die Wiederverwendung bestehender Produktmaterialien und ein nachhaltiger Produktionsprozess für Elektronik. Wir schätzen, dass bis 2025 mehr als 30 Prozent der neuen Medikamente und Materialien systematisch mit Hilfe generativer KI-Techniken entdeckt werden, während es heute noch keine gibt. 

Reichen neue Gesetze wie das “Recht auf Reparatur” oder der Digitale Produktpass der EU (DPP) aus, um den Elektroschrott zu reduzieren?

Diese Gesetze sind ein guter Anfang, aber es muss noch mehr getan werden. Unsere Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass IT-Geräte 7 Prozent des weltweiten Elektroschrotts ausmachen. Es ist verständlich, dass Bewegungen wie das Recht auf Reparatur entstanden sind, eine breit angelegte internationale Initiative, die es Endnutzern, Unternehmen und Verbrauchern ermöglicht, ihre Geräte im Falle eines mechanischen oder technischen Defekts frei zu reparieren.

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Mehrere Gerätemarken haben ebenfalls begonnen, Reparaturprogramme einzuführen. Sie haben entweder ein Reparaturprogramm eingeführt, das es den Nutzern ermöglicht, Ersatzteile und Anleitungen zu beschaffen, oder in denen die Nutzer Links für bestimmte Reparaturen für jedes Smartphone-Modell mit Selbstreparaturunterstützung finden können.

Müssen die Hersteller reagieren?

Der digitale Produktpass, der Verbrauchern und Recycling-, Reparatur- und Wiederaufbereitungsunternehmen relevante Informationen, zum Beispiel Umweltindikatoren und Informationen über Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Aufrüstbarkeit und Reparierbarkeit,  liefern soll, wird sich bald auf die Hersteller in der EU auswirken.

Sie müssen jetzt handeln und die erforderlichen Kriterien für das DPP bewerten, um die Erfassung von Kreislaufwirtschaftsdaten in der gesamten Lieferkette sicherzustellen. Aber das ist nicht genug. IT-Führungskräfte müssen auch die Nutzung von Geräten von der Beschaffung bis zur Entsorgung kontinuierlich rationalisieren, beibehalten und umstrukturieren, und zwar in einer Weise, die dem Planeten gleichermaßen dient, die Mitarbeiter einbezieht und das Unternehmen unterstützt.

 

Annette Zimmermann

ist VP Analystin bei Gartner. Sie berät Technologie- und Dienstleistungsanbieter beim Thema ökologische Nachhaltigkeit. Ihr Know-how hilft bei der Gestaltung von Produktstrategie, indem sie Umweltziele wie “Sustainability by Design” zu einem integralen Bestandteil dieser Strategien macht.