Brexit-Auswirkungen auf Crossborder-Commerce

E-CommerceMarketing

Der Brexit kommt. Selbst wenn Details zur zukünftigen Zusammenarbeit zwischen der EU und Großbritannien noch nicht feststehen mögen, sind gewisse Turbulenzen absehbar. Und diese treffen mit der Wirtschaft auch den E-Commerce.

Nachdem beide Kammern des britischen Parlaments dem Austritt aus der EU zugestimmt hatten, beantragte nun Premierministerin May auch offiziell das Austrittsgesuch nach Artikel 50 des Lissabon-Vertrages. Es ist damit nur eine Frage der Zeit, bis das Vereinigte Königreich seinen Mitgliedsstatus offiziell verliert. Die Unklarheit über die Bedingungen des Austritts und das dann neue Verhältnis zur Europäischen Union scheint sich indes zu übertragen: So haben zwei Drittel der britischen Händler noch keine konkreten Pläne zum Brexit gemacht. Das ergab jüngst eine Studie von Global-E.

Michel Racat, der Autor dieses Gastbeitrags für silicon.de, ist CEO und Gründer von BeezUp. (Bild: BeezUp/Silvere Leprovost)
Michel Racat, der Autor dieses Gastbeitrags für silicon.de, ist CEO und Gründer von BeezUp. (Bild: BeezUp/Silvere Leprovost)

Noch steht Großbritannien weltweit an dritter Stelle beim E-Commerce. Doch könnten Handelshemmnisse wie Steuern oder Zölle dem grenzüberschreitenden Handel aus der und in die EU einen erheblichen Dämpfer verpassen. Denn Händler von der Insel könnten sich zumindest zum Teil mit Isolation und Abschottung konfrontiert sehen.

Dagegen dürften die Shop-Betreiber in der EU weit weniger stark belastet werden. Das liegt zum einen an den weiterhin niedrigen Handelshürden durch den gemeinsamen Binnenmarkt. Doch zum anderen liegt es ebenfalls an den guten Prognosen für den E-Commerce im Rest der EU und darüber hinaus.

Blühende Landschaften im Online-Handel

Auch wenn die Eurokrise noch immer nicht ausgestanden ist und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen gerade in Südeuropa zu spüren sind, hat das dem Online-Handel nur geringfügig geschadet. Zwei noch vor Kurzem als Sorgenkinder betrachtete Staaten im Süden des Kontinents zeigen mittlerweile wieder ganz andere Vorzeichen: Spanien und Italien. Auf der Iberischen Halbinsel ist die wirtschaftliche Zuversicht zurückgekehrt, was dem Online-Handel laut “EcommerceNews.eu” im zweiten Quartal 2016 ein Wachstum von 20,3 Prozent bescherte. Auch für das Land von “Dolce Vita” weiß das Nachrichtenportal über beeindruckende Wachstumsraten von 18 Prozent für das vergangene Jahr zu berichten.

(Bild: Shutterstock.com/Elena Schweitzer)

Ein ähnliches Bild liefert Osteuropa: Die laut “yStats.com” weltweit viertgrößte Region im Bereich B2C (mit den Ländern Tschechien, Ungarn, Polen, Russland, Rumänien, Bulgarien und Ukraine) erreichte 2015 ein Wachstum von 20,7 Prozent – und das trotz der schwierigen Lage in Bezug auf Russland, das im selben Jahr wirtschaftlich besonders hart getroffen wurde. Das Land erlebte zwischen 2014 und 2015 einen Rückgang beim E-Commerce-Wachstum von 31 Prozent auf 6,6 Prozent. Gründe dafür sind der bis heute anhaltende Konflikt mit der Ukraine und weltweit fallende Öl-Preise, die dem Land schwer zu schaffen machen. Außerdem verlor der Rubel deutlich an Wert, wodurch der Kauf bei Online-Händlern in Europa immer schwieriger wurde.

Update 4. April 2017, 15 Uhr 40: In einem weiteren Gastbeitrag für silicon.de hat E-Commerce-Experte Michel Racat von BeezUP inzwischen Perspektiven für den grenzüberschreitenden Handel für die Zeit nach dem Brexit aufgezeigt – für die sich Händler heute schon vorbereiten sollten.

It’s the Crossborder Commerce, Stupid!

Doch gibt gerade Russland Hinweise darauf, wie Europas Online-Händler mit dem Brexit umgehen sollten. Trotz der schwierigen Umstände blieb die Kauflaune der russischen Konsumenten ungebrochen. Denn dem Länderreport von “ECommerce Europe” zufolge wuchs zwischen 2014 und 2015 die Zahl der aus dem Ausland importierten Online-Waren um beeindruckende 54 Prozent (von 1,98 Milliarden Euro auf 3,06 Milliarden Euro) – der große Gewinner hierbei lautete hingegen nicht Europa, sondern China. So deckte laut Länderreport von ECommerce Europe die Volksrepublik 2014 bereits zu 70 Prozent den grenzüberschreitenden Online-Handel Russlands ab.

Russland (Grafik: Shutterstock)
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen bommt der Online-Handel in Russland (Grafik: Shutterstock)

2015 kam ein weiterer Anstieg hinzu und der Anteil erreichte sagenhafte 80 Prozent. Laut Schätzungen von “Yandex”, Russlands größter Suchmaschine, liegt der Anteil an den Verkäufen aus China nach Russland bei rund 55 Prozent, zur EU bei abgeschlagenen zehn Prozent – selbst aus den USA importieren die russischen Kunden zu 30 Prozent ihre Waren.

Für ein Déjà-vu-Erlebnis sorgt unterdessen auch der Norden Europas: Denn die Kunden aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland kaufen neben dem Vereinigten Königreich am liebsten in China ein. Das geht aus dem Jahresbericht “E-Commerce in the Nordics 2017” von PostNord hervor.

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Demnach bezieht mehr als ein Drittel der skandinavischen Kunden regelmäßig Waren aus dem Ausland. Der Crossborder-Anteil am Gesamtumsatz im dortigen Online-Handel betrug 2016 rund 25 Prozent – oder 5,4 Milliarden Euro. Ein weiteres Beispield dafür, dass die Bereitschaft im Ausland einzukaufen groß ist. Doch warum nutzt der Rest Europas das Potenzial nicht?

Chancen nicht verstreichen lassen

Das Vereinigte Königreich wird auch weiterhin eine wichtige Rolle im weltweiten E-Commerce spielen, genauso wie der Handel mit der EU nicht zum Erliegen kommen wird. Dennoch sind die Unsicherheiten durch den Brexit keineswegs zu unterschätzen. Daher ist es sinnvoll, sich rechtzeitig nach Alternativen umzusehen. Die positiven Wachstumsraten und Prognosen für große Teile West- wie Osteuropas und darüber hinaus dürften die Turbulenzen durch das Ausscheiden der Briten mehr als kompensieren. Zumindest, sofern Händler bereit sind, ihre Angebote entsprechend anzupassen und nicht etwa anderen einfach das Feld überlassen. Das sieht man besonders gut an Russland, das zunehmend den grenzüberschreitenden Online-Handel mit China festigt.

Klar ist, dass der Schritt über die eigene Landesgrenze für viele Online-Händler Neuland ist. Klar ist aber auch, dass neben dem Prinzip der generellen Grenzenlosigkeit auch das Prinzip der schier unbegrenzten Angebote zum Internet gehört. So bietet eine ganze Reihe an Dienstleistern Services für Händler an, um ihnen den Crossborder-Commerce so einfach wie möglich zu machen. Die Chancen sind also da – sie müssen nur ergriffen werden!

Michel Racat (Bild: BeezUP/Silvere Leprovost)

Über den Autor

Michel Racat ist der CEO und Gründer von BeezUP. Er verfügt über eine umfassende Erfahrung und Expertise im Multi-Channel-Online-Marketing und der Platzierung von Produktkatalogen auf allen wichtigen E-Commerce-Plattformen. Darüber hinaus besitzt Racat breites Know-how in Bezug auf den internationalen E-Commerce-Markt und die Trends in diesem Bereich.