Winfried Holz

Winfried Holz ist Chief Executive Officer (CEO) von Atos Deutschland. In zahlreichen Gremien engagiert er sich für den IT- und Wirtschaftsstandort Deutschland.

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Warum die Zunahme der IT-Studenten alleine keine gute Nachricht ist

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Aktuelle Bitkom-Zahlen sehen ein wachsendes Interesse der aktuellen Abiturjahrgänge am Studienfach Informatik. silicon.de-Blogger Winfried Holz warnt jedoch vor voreiliger Euphorie. Die vordergründig gute Nachrichte habe eine Reihe von Einschränkungen.

Vor einigen Tagen hat der Bitkom die aktuellen Daten zur ITK-Ausbildung in Deutschland veröffentlicht: Vordergründig sehen die Zahlen gut aus, aber bei genauer Betrachtung wird das Dilemma der IT-Ausbildung in Deutschland offensichtlich. Zur Beseitigung des Fachkräftemangels ist sie nur bedingt geeignet.

Die Erfolgsmeldung lautete: Die Zahl der Studienanfänger im Bereich der Informatik hat im letzten Jahr um mehr als 17 Prozent auf gut 48.400 zugelegt. Für sich genommen wäre das vor dem Hintergrund des aktuellen Fachkräftemangels in der Branche eine mehr als gute Nachricht. Leider gibt es jedoch eine Reihe von Einschränkungen: Zum einen kamen in zwei Bundesländern die doppelten Abitur-Jahrgänge auf den Ausbildungsmarkt, was die Statistik verzerrt. Zum anderen geht es nicht um die Zahl der Studienanfänger, sondern um die der Absolventen. Denn die erschreckende Wahrheit ist: Fast 50 Prozent der IT-Studenten in Deutschland brechen ihr Studium vor dem Examen ab. Die Gründe sind vielfältig und reichen von falschen Erwartungen an das Studium bis hin zu Finanzierungsproblemen. Einige Hochschulen haben aber auch den Anspruch, möglichst nur eine Top-Elite zum Examen zu bringen.

Etwas mehr als 16.000 IT-Absolventen haben die deutschen Hochschulen im letzten Jahr mit Examen verlassen. Selbst wenn alle Studienanfänger ihr Studium erfolgreich beenden würden, wäre das nicht genug, um den momentanen Bedarf der IT-Wirtschaft zu befriedigen. Mehr als 43.000 offene ITK-Stellen haben die Unternehmen laut Bitkom zu besetzen. Gut für die Absolventen, schlecht jedoch für die Wirtschaft und damit für den Standort Deutschland.
Wir haben drei Stellschrauben, an denen wir zur Behebung des Fachkräftemangels drehen können und sollten:

Die erste Stellschraube ist, mehr junge Menschen für die ITK-Berufe zu begeistern. Das ist nicht einfach, besonders vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung , da andere Branchen vor denselben Problemen stehen und wir alle immer stärker um immer weniger junge Leute werben werden.
Die zweite Aufgabe besteht darin, mehr ausländische Fachkräfte anzuwerben und Deutschland als Arbeitsplatz attraktiv zu machen. Die Hürden hierfür sind mit den Blue-Card-Regelungen im August zwar gesenkt worden, doch die Resonanz der potenziellen Kandidaten aus dem Ausland ist sehr gering. Die ausländischen Fachkräfte müssen auch zu uns kommen wollen – und Deutschland besteht nicht nur aus Berlin, München und Hamburg, sondern auch aus Meppen, Herne, Herzogenaurach und Walldorf. Hier müssen wir also im Ausland für den Standort Deutschland werben und zwar für das gesamte Land und nicht nur für die Metropolen.

Schließlich geht es darum, die Quote der Studienabschlüsse zu erhöhen. Natürlich ist nicht jeder für unsere anspruchsvolle, schnellebige Branche geeignet. Und auch nicht jeder Studienabbrecher ist für die Branche verloren, der eine oder andere hat es bekanntlich in der IT-Industrie weit gebracht. Aber wir sollten uns schon die Frage stellen: Warum geben gerade im Bereich Informatik – verglichen mit den meisten anderen Fachrichtungen – soviele Studierende vorzeitig auf? Es darf nicht sein, dass sie aufgrund von rein theoretisch-akademischen Themen die Flinte ins Korn werfen: Die Arbeitswirklichkeit in der IT-Branche hat sich in den letzen Jahren stark gewandelt. Soziale Fähigkeiten, wirtschaftliches Verständnis und projektorientiertes Denken rücken immer stärker in den Vordergrund.

Hierauf müssen sich die Hochschulen bei ihren Studienplänen einstellen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wünsche mir keine Vereinfachung der Ausbildung, um auch ungeeignete Kandidaten durch das Examen zu schleppen. Wir können es uns allerdings nicht leisten, potenzielle Top-Experten zu verlieren, nur weil realitätsfremde Lehrpläne eingehalten werden. Der Erfolg der dualen Studiengänge beweist es: Die Verknüpfung der akademischen Ausbildung mit beruflicher Praxis ist ein richtiger Weg, um die Abbrecherquote zu reduzieren.

Die Zunahme der Studienanfänger ist also nur vordergründig ein Erfolg. Wir müssen uns gemeinsam anstrengen, dieses Potenzial auch zu nutzen. Denn jede offene Stelle gefährdet ein IT-Projekt in unserem Land, und irgendwann werden die Projekte eben nicht mehr in Deutschland durchgeführt. Immer weniger Leistungen müssen wirklich am Ort durchgeführt werden, da die IT-Industrie immer globaler wird. Sie wird sich weiterhin rasant entwickeln, viele Arbeitsplätze schaffen und keine Rücksicht auf ein Land im “alten Kontinent” mit inflexiblen Strukturen nehmen. Wir sollten diesen Zug (alternativ: Wachstumsmotor) nicht einfach an uns vorbeifahren lassen.