Ein SAP der zwei Geschwindigkeiten? Neue Wege mit der HANA Cloud Platform

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SAP gibt mit HANA ein strammes Tempo vor, das dem einen oder anderem Anwender zu hoch ist. Doch erste Beispiele zeigen, dass die SAP-Innovationen vielversprechende Ergebnisse liefern und einen Spagat zwischen schnellen Projekten und einer stabilen Kernlandschaft ermöglichen.

Alle Welt spricht von der digitalen Transformation und noch besteht die aus so vielen Variablen, dass die genaue Marschrichtung für viele noch nicht ganz klar ist. Daher stehen Unternehmen vor der Herausforderung, schnell Innovationen umsetzen zu müssen, um auf neue Anforderungen aus dem Markt reagieren zu können.

Andere Prozesse scheuen die Veränderungen und sollten einfach stabil weiter laufen. Welche Rolle kann da als Marktführer für Unternehmenssoftware eine Firma wie SAP mit dem HANA-Portfolio spielen? Bislang sagt man SAP gerne nach, nicht besonders agil zu sein. Das könnte sich aktuell ändern.

Hartmut Thomsen, Geschäftsführer der SAP Deutschland. (Bild: Martin Schindler)
Hartmut Thomsen, Geschäftsführer der SAP Deutschland: “Nicht die Frage ob HANA, sondern wann.” (Bild: Martin Schindler)

“Inzwischen stellen sich viele Unternehmen die Frage, wann migrieren wir auf HANA und nicht mehr ob. Das war noch bis vor wenigen Monaten ganz anders”, so Hartmut Thomsen, Geschäftsführer Deutschland der SAP im Gespräch mit silicon.de. Doch für Thomsen ist auch klar, dass jeder Anwender hier seine eigene Geschwindigkeit fahren muss.

Trotzdem, mit Ende des ersten Quartals kann SAP bereits 3200 Kunden zählen, die eine S/4-HANA-Lizenz erworben haben. Unter den S/4-Kunden aber sind meist sehr große Anwender zu finden. Gerade bei der Migration des Core-Business seien vor allem mittelständische Unternehmen eher zurückhaltend, zum einen weil die Ressourcen für neue Projekte fehlen, oder diese meinen, der finanzielle Einsatz sei zu groß, erklärt Thomsen.

Doch auch in der SAP-Welt gibt es Raum für unterschiedliche Geschwindigkeiten. Wollen kleinere Unternehmen die Kundendaten in den Mittelpunkt stellen, Lieferanten, Geschäftspartner oder vielleicht sogar Marktbegleiter in ihre IT integrieren, ist nicht zwangsläufig die jüngste Version der SAP-Suite Voraussetzung.

Thomsen weiter: “Wenn ich mit neuen digitalen Geschäftsmodellen Geld verdienen will, dann muss ich am Ende eine Rechnung schreiben, und dann bin ich wieder in der SAP-Welt.” Ohne ein ERP-System könnten auch Unternehmen wie Uber oder AirBnB nicht überleben, ungeachtet des Nutzwertes, den solche Plattformen für die Anwender bieten. Man wird also um das, was Gartner mit dem Modell der “Bimodalen IT” beschreibt, nicht ganz herum kommen, das auf der einen Seite aus einem traditionellen, stabilen Kern und auf der anderen aus einer agilen und experimentierfreudigen Struktur besteht.

“Für uns kommt man mit der HANA Cloud Platform auf die digitale Überholspur”, erklärt Thomsen. Mit dieser aktuell mit neuen Funktionen erweiterten HANA Cloud Platform (HCP) bietet SAP eine offene Plattform, die aber nicht nur eine Möglichkeit bietet, Technologien wie Hadoop oder MongoDB, sondern auch Services und Daten aus SAP-Systemen unter einer ansprechenden Oberfläche mit einander zu verbinden. Durch die In-Memory-Technologie der darunter liegenden HANA-Plattform, können Anwender sehr effektive und schnelle Lösungen für Unternehmensprobleme erstellen.

Einer, der eindrucksvoll gezeigt hat, wie so etwas aussehen kann, ist Michael Hilzinger, Group-CIO des Stahl-und Metall-Distributors Klöckner & Co SE. Beginnend mit einem “Design Thinking Workshop” hat Hilzinger sich vergangenes Jahr zusammen mit seinem Team mit “Lean Start-up” Methoden daran gemacht, eine Vertriebs-Cockpit-Lösung zu entwickeln.

Keine sechs Wochen später war ein einsatzfähiges “Minimal Viable Product” fertig. Die Mitarbeiter im Vertrieb können damit über eine nutzerfreundliche Oberfläche sehen, welche Bestellungen offen sind, und darüber zum Beispiel die Auslastung von Transporten optimieren, oder über eine Karten-App Kunden gezielt ansprechen, die eventuell in der Nähe einer Transportroute liegen.

Michael Hilzinger, Head of Coporate IT bei Klöckner & Co SE. (Bild: Martin Schindler)
Mit der HANA Cloud Plattform kann Michael Hilzinger, Head of Coporate IT bei Klöckner & Co SE, für die Entwicklung von Unternehmensanwendungen so genannte “Lean Startup-Methoden” anwenden. Da können schnell Konzepte ausprobiert werden, aber auch ungeeignetere Anwendungen schnell und ohne großes finanzielles Risiko beerdigt werden. (Bild: Martin Schindler)

“Ich war ehrlich gesagt selbst überrascht, dass wir das so schnell hinbekommen haben”, erklärt so Hilzinger gegenüber silicon.de. Was hier von Vorteil war ist die Tatsache, dass die Klöckner-SAP-Systeme bereits auf SAP HANA On-Premise Technologie migriert wurden und damit schon Vorleistungen erbracht waren. Über den SAP HANA Cloud Connector spiegelt das Unternehmen Daten aus den Backend-Systemen in die HANA Cloud Platform.

Auf diese Weise können schnell Verfügbarkeiten, Bestellungen oder Leerstände überprüft werden. Fertige Anwendungen und Module, die über HCP bereitgestellt werden, haben die Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Nachdem sich die Lösung, für deren erste Mockups sich das Unternehmen auch mit externen Partnern und eigenen Mitarbeitern beraten hatte, in der Praxis bewährt hat , soll die Cockpit-Lösung nun mit weiteren Features, etwa einem Modul für Analytics erweitert werden. “Wir wollten mit der Lösung unseren Vertrieb effizienter machen, und das gelingt sehr gut”, so Hilzinger weiter.

Auch wenn das Vertriebs-Cockpit mit Daten aus dem Backend arbeitet, verfügt der IT-Chef des Stahlspezialisten doch über zwei entkoppelte Systeme. Das PaaS-Modell berge zudem den Vorteil, dass Ressourcen schnell und unkompliziert hinzugebucht werden können. “Bei einer Realisation des Projektes in unserer On-Premise-Umgebung, hätten wir alleine sechs Wochen für die Bereitstellung der Rechenzentrum-Ressourcen benötigt”, erklärt Hilzinger weiter.

Eine weitere Plattform führen zu müssen, klingt zunächst nach mehr Aufwand und einer höheren Komplexität. Doch Hilzinger hat laut eigenen Angaben ganz andere Erfahrungen gemacht. Durch die Einführung der HANA Cloud Platform wurde die Komplexität der IT-Infrastruktur reduziert. “Seit wir HANA im Einsatz haben, ist der Administrationsaufwand deutlich gesunken. Das setzt zusätzliche Ressourcen für neue Projekte frei”, so Hilzinger.

Offenbar ist der CIO des Stahl-Unternehmens nicht der einzige, dem es so geht. “Durch die Offenheit der HCP-Plattform, kann man das ERP in den Standard zurückführen. Die Modifikationen werden auf HCP umgesetzt”, erklärt Rolf Schumann, CTO and Head of Innovation EMEA von der SAP.

So lassen sich beispielsweise Release-Zyklen voneinander entkoppeln. “Wenn wir heute mit Kunden sprechen, dann stellen wir immer wieder fest, dass im Schnitt mehr als 50 Prozent der Modifikationen in einem ERP-System aktuell nicht mehr benötigt werden”, so Schumann weiter.

So könne es vorkommen, dass Anwender zwar auf ein neues SAP-Release wechseln, aber ein neues Feature nicht nutzen können, weil sie vor 15 Jahren eine Anpassung vorgenommen haben, die inzwischen nicht mehr unterstützt aber auch nicht mehr gebraucht wird. “Die Differenzierung der Geschäftsmodelle geschieht heute in der HANA Cloud Platform”, so der SAP-CTO weiter.

Auch René Büst, Senior Analyst des Marktforschungsunternehmen Crisp Research, sieht in SAP HANA für deutsche Unternehmen in erster Linie einen Business-Enabler. Laut einer einer aktuellen Studie versprechen sich mehr als 53 Prozent der befragten Entscheider eine Beschleunigung der Unternehmensprozesse.

Derzeit wird SAP HANA von deutschen Unternehmen vor allem als Kernsystem für Reporting und BI (38 Prozent) sowie zur Performance-Optimierung für Reporting- und BI-Prozesse (ebenfalls 38 prozent) eingesetzt. Dennoch es gibt rund um die Basis-Technologie HANA noch einige offene Fragen.

“Deutsche Unternehmen fordern von SAP bei SAP HANA auf der Kostenseite nachzubessern”, berichtet Büst. “Dies gilt vor allem für das Lizenzmodell aber auch für die Wartungskosten. Die Befragten wünschen sich vor allem mehr Out-Of-The-Box Angebote, die Kosten für Migration und den anschließenden Betrieb attraktiver machen.”

Deutsche Unternehmen benötigen dem Analysten zufolge bei SAP-HANA-Migrationen Unterstützung über den gesamten Projekt-Lifecycle hinweg. Besonders in den Bereichen Proof-of-Concept, bei der Planung der Architektur sowie dem Roll-out treten sie laut Crisp an externe Dienstleister heran.

Aufgrund der hohen Komplexität der Architektur tauchen diverse Probleme bei der Vorbereitung der Migration zu SAP HANA auf. “Insbesondere der massive Skill-Gap seitens der Mitarbeiter ist ein typisches Szenario vor einer neuen Technologie-Einführung”, heißt es in der Crisp-Studie. Ein Drittel der befragten Entscheider fürchte, das eine Wissenslücke in der Belegschaft für den erfolgreichen Betrieb von SAP-HANA-Systemen eine Barriere darstellt. 28 Prozent der Entscheider kritisieren, dass SAP für nonSAP-Systeme keine Migrationskonzepte vorhält.

Büst sieht aber auch die Chancen durch HANA. So könnte diese In-Memory-Technolgie das Thema Industrie 4.0 beziehungsweise Internet der Dinge weiter befeuern. “Hier könnte SAP HANA ein großes Problem des noch jungen Trends lösen: Die Auswertung und Einordnung der massenhaft generierten Daten”, ergänzt Büst. Darüber hinaus könne SAP HANA nicht nur als Datenbanktechnologie für schnelle Abfragen genutzt werden, sondern auch als Plattform für die Entwicklung neuer und performanter Workloads – auch im Zusammenhang mit IoT – dienen.

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